Vor 6 Stunden - Wörter:
Buch 1: Veyra und das Licht der Sterne
Kapitel 1: Geh und heb' dein Grab aus, mein Freund
Immanyar - Am 3. Tage der Ernte, 4.388 nach dem Fall der Sterne
Die Gildenhalle des Weißen Turms war kein Raum, sie war ein Organ.
Sie atmete im Rhythmus von Schritten, Stimmen, Lachen, dem metallischen Klirren von Rüstung an Rüstung und dem weichen Rascheln von Stoffbahnen, die im warmen Luftzug der Menge zuckten. Immanyar war eine Hauptstadt, die sich gern in Marmor und Würde kleidete – doch hier drinnen trug sie Herzschlag.
Über den Bögen der gigantischen Halle hingen Banner in üppigen Reihen, manche frisch und steif wie neu vernähte Versprechen, andere ausgefranst, mit Brandspuren am Saum oder eingetrocknetem Schlamm, der so alt wirkte, als hätte er schon Königreiche gesehen. Wappen glitzerten im Licht: Löwen, Sonnen, gekreuzte Äxte, stilisierte Drachenzungen, ein Auge im Sternenkreis, das jeden Besucher zu mustern schien. Zwischen den Bannern liefen Galerien entlang, von denen aus Boten mit Rollen unter dem Arm hinab winkten, und irgendwo, hoch oben, wurde ein kleines Orchester aus Flöte, Trommel und einer energischen Laute von der Menge übertönt – nicht verdrängt, eher mitgetragen wie eine zweite Melodie unter dem Stimmenmeer.
Das Licht in der Halle kam von Kristallen.
Sie saßen in Laternen und Kronleuchtern wie gefangene Sterne, in Messingkäfigen gefasst oder in Silberkronen, die von Ketten herabhingen. Jeder Kristall glomm in einer eigenen Nuance: manche kühl wie Mondwasser, andere warm wie Honig; ein paar flackerten, wenn jemand in ihrer Nähe log – als würden sie sich über schlechte Geschichten beschweren. Das Licht brach sich in Bierkrügen, in polierten Helmen, in den feuchten Augen eines jungen Rekruten, der zu früh zu viel gesehen hatte.
Stände säumten die Hallenränder. Nicht alle waren wirklich Stände; manche waren nur Teppiche auf dem Stein, über die man ein Banner gespannt hatte, oder ein hastig gezimmerter Tisch. Doch jede Gilde wusste, wie man sich zeigt.
Bei den Goldenen Löwen war es nicht schwer: ihr Bereich glänzte selbst im Halbdunkel. Schwere Stoffbahnen in Gold und Ocker, ein Schild mit einem Löwenkopf, dessen Augen aus gelbem Glas bestanden und im Licht der Kristalle zu leben schienen. Menschen drängten sich dort in einer ständigen Welle. Man hörte Namen, Zahlen, Versprechen – und die scharfe Stimme einer Schreiberin, die aus einem Buch vorlas, als würde sie Urteile fällen.
Ein paar Schritte weiter war die Schwarze Sonne: dunkle Stoffe, schwarze Wachssiegel, eine schmale Linie wartender Gestalten, die nicht wie Rekruten wirkten, sondern wie Leute, die wissen, was sie suchen. Einem Mann in grauem Mantel schien es völlig egal zu sein, dass ein Halbling mit zu großer Armbrust neben ihm nervös auf den Zehenspitzen wippte – beide starrten auf denselben Tisch, als könnte er sie verschlingen.
Und dann Ingrimm: ein Stand aus rohem Holz, verziert mit Kerben und Runen, dahinter bärtige Gestalten, die lachten wie Felsstürze. Ein Zwerg mit einer Nase, die schon mehrere Schlachten verloren hatte, verteilte Becher und klopfte Bewerbern so fest auf die Schulter, dass mancher danach kurz prüfen musste, ob er noch alle Zähne hatte.
Dazwischen drängten sich Dutzende andere Gilden. Kleinere Namen, schillernde Namen, Namen, die man vielleicht erst morgen hörte und dann nie wieder. Elfen in Reisekleidern und mit unverschämter Haltung. Ein Ork, der sich über einem kleinen Tisch bückte und dabei so vorsichtig tat, als könne er mit einem falschen Atemzug alles zerbrechen. Ein paar stumme Geweihte, die unter einem Banner standen, auf dem ein stilles Rad gemalt war. Ein Drachenblütiger mit schimmernden Schuppen an den Schläfen, der einem Kind ein Stück Trockenfleisch schenkte, als sei das das Normalste der Welt.
In der Mitte des Ganzen befand sich "der" Schalter.
Er war kreisrund, aus hellem Stein, und so groß, dass ein Wagen darauf hätte wenden können. Mehrere Öffnungen zogen sich entlang seines Umfangs – kleine Pulte, hinter denen Schreiber saßen, die mit der stoischen Geduld von Leuten arbeiteten, die schon zu viel Drama gesehen hatten. Über jedem Pult hing ein Zeichen: *Aufträge*, *Mitgliedschaften*, *Streitfälle*, *Bergungsrechte*, *Kopfgelder*, *Eide*. Siegelwachs dampfte in Schalen, Federn kratzten, Münzen klangen, und immer wieder wurden Stimmen laut, weil jemand glaubte, sein Problem müsse als Erstes gelöst werden.
Und trotzdem: Die Halle war voll, aber nicht erstickend. Es war ein lebendiger Druck, kein Chaos. Die Menge hatte eine Art unbewusster Ordnung, eine Schwerkraft, die die wichtigsten Dinge nach innen zog und die Nebensächlichkeiten an den Rand spülte. Man wich aus, man drängelte, man lachte, man fluchte, man tauschte Blickkontakte wie Geheimzeichen.
Dann schnitt ein Schrei durch das Stimmengewirr, so plötzlich, dass selbst die Musik für einen Augenblick stolperte. Nicht Angstschrei. Eher: Empörung, Wut, das Geräusch eines Menschen, der sich in seinem Recht verletzt fühlte. Die Menge reagierte, wie eine große Kreatur reagiert: Sie teilte sich.
Westlich des Eingangs, dort wo ein Konglomerat aus schweren Vorhängen und halbhohen Trennwänden einen kleinen Bereich abgrenzte, brach Bewegung aus. Köpfe drehten sich. Ein paar Leute stellten ihre Krüge ab, als hätten sie plötzlich Angst, etwas zu verschütten, das später als Beweis dienen könnte. Ein Halbling stieg auf eine Bank, um besser zu sehen.
Dann erschien sie.
Yngrid, die Löwin.
Sie war eine Frau in jenem Alter, in dem Menschen nicht mehr beweisen müssen, dass sie gefährlich sind, weil sie es längst getan haben. Ihr Haar war an den Schläfen grau, aber nicht müde grau – eher wie Stahl, der schon oft geschärft wurde. Sie trug es offen über den Schultern, und es sah aus, als hätte sie nie Zeit gehabt, es zu flechten, weil irgendwo immer etwas brannte.
Ihre Rüstung war schwer. Platten, die im Kristalllicht golden schimmerten, nicht geschniegelt wie Parade, sondern getragen, mit feinen Kerben, Dellen, Spuren. Die Gelenke waren dunkel geölt, damit sie sich lautlos bewegen konnte – doch sie bewegte sich nicht lautlos. Sie brauchte das nicht. Sie ging, als wäre der Boden verpflichtet, ihr Platz zu machen.
Neben ihr vier Mitglieder der Goldenen Löwen, alle mit dem Löwenwappen an Schild und Rüstung, alle mit dem Blick von Leuten, die wissen, wie man einen Raum kontrolliert. Und hinter ihnen – oder besser: zwischen ihnen, getragen wie eine Trophäe – ein riesiges Schild, so breit wie eine Tür. Darauf lag ein Mann, an Handgelenken und Knöcheln gebunden, Seile über Brust und Hüften, als hätte man Angst, er könnte plötzlich beschließen, das Konzept von Gravitation zu beleidigen. Sei braunes Haar wirbelte von seinen schnellen Richtungswechseln hin und her und panisch glitt sein Blick durch die Halle.
Er war nicht leise. Kein Mensch, der gebunden auf ein Schild geschnallt war, sollte eigentlich laut sein – doch Brandan schaffte es, dies unglückselige Dasein zu besitzen, als wäre sie eine Bühne, die man ihm aus Versehen gebaut hatte.
Sein braunes, lockiges Haar fiel ihm schulterlang ins Gesicht, und er blies eine Strähne weg, als wäre das die größte Unannehmlichkeit seines Tages. Der Dreitagebart betonte sein falsches Grinsen, das sich viel zu sicher anfühlte für jemanden, der gerade öffentlich transportiert wurde. An seinem Hals zeichnete sich die sternförmige Narbe ab, im flackernden Licht fast wie ein Zeichen. Um seine Hüfte lief eine Kette, und daran hing – als hätte jemand ihm die letzte Würde gelassen oder die größte Gefahr unterschätzt – sein Schwert, das klappernd am Schild herab baumelte.
„Macht Platz!“, bellte einer der Löwen, und die Menge machte Platz.
Brandan hob den Kopf, ließ den Blick über die Zuschauer gleiten, als sei er derjenige, der gleich eine Ansprache halten würde. „Bitte keine Wünsche zur Signatur“, rief er in den Raum, „ich bin heute schon…—“
„Halt den Mund, du Klampfenzupfer“, schnitt Yngrids Stimme durch, trocken wie ein Schwertzug.
„Oh!“, Brandan legte eine beleidigte Wärme in den Ton. „Yngrid. Meine liebste Löwin. Stern meiner Nächte. Wie ich sehe, trägst du wieder dein ‘Ich-entscheide-heute-wer-atmen-darf’-Kleid.“
Yngrid ging weiter, ohne langsamer zu werden.
„Du hast meine Rekruten lächerlich gemacht.“
„Ich habe mitnichten Jemanden lächerlich gemacht“, sagte Brandan sofort, und seine Stimme war einen Hauch zu schnell. „Sie waren bereits… nun… mit Potenzial zur Komik gesegnet.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Einige lachten. Andere hielten die Luft an, als sei das Lachen gefährlich.
„Du hast in meinem Stand—“, begann Yngrid, und jetzt war da diese Schärfe, die nicht laut werden musste, um zu schneiden, „—eine ‘Aufnahmerede’ gehalten. Ohne Genehmigung. Und du hast dabei behauptet, die Goldenen Löwen würden nur Leute nehmen, die ‘angemessen dramatisch in Sonnenuntergängen posieren’ können.“
Brandan blinzelte. „Das war… ein Scherz, ein fader. Eine Metapher. Ich wollte die Bedeutung von… Haltung… betonen.“
„Du hast außerdem“, fuhr Yngrid grantig fort, „meinen besten Rekruten dazu gebracht, sein Schwert wegzuwerfen, weil du ihn überzeugt hast, dass es verflucht sei und nur singt, wenn man ‘seine inneren Gefühle’ anerkennt.“
Brandan musste sich sich das Lachen verkneifen. „Hat es gesungen?“
Einer der Löwen knurrte leise. Ein anderer warf Brandan einen Blick zu, der versprach, dass Humor irgendwann nicht mehr ausreichen würde.
„Und du hast“, sagte Yngrid, und jetzt klang es, als würde sie jeden Punkt mit einem Nagel in Holz schlagen, während ihr Blick wütend zu Brandan glitt, „den Aufnahmebogen für dreißig Bewerber ausgefüllt. Mit falschen Namen!“
Brandan hob die Hände, soweit die Seile es erlaubten. „Nicht falsch. Künstlerisch! Ich habe ihnen… Bühnennamen gegeben. Wer will schon als ‘Gerhard’ auf Abenteuer gehen? ‘Gerhard’ klingt nach jemandem, der Pergament sortiert und beim Regen meckert.“
Die Menge lachte diesmal deutlich hörbarer. Irgendwo pfiff jemand anerkennend. Ein paar Köpfe drehten sich, um zu sehen, ob die Schwarze Sonne das auch lustig fand. Taten sie nicht. Taten sie nie. Diese Banausen.
Kapitel 1: Geh und heb' dein Grab aus, mein Freund
Immanyar - Am 3. Tage der Ernte, 4.388 nach dem Fall der Sterne
Die Gildenhalle des Weißen Turms war kein Raum, sie war ein Organ.
Sie atmete im Rhythmus von Schritten, Stimmen, Lachen, dem metallischen Klirren von Rüstung an Rüstung und dem weichen Rascheln von Stoffbahnen, die im warmen Luftzug der Menge zuckten. Immanyar war eine Hauptstadt, die sich gern in Marmor und Würde kleidete – doch hier drinnen trug sie Herzschlag.
Über den Bögen der gigantischen Halle hingen Banner in üppigen Reihen, manche frisch und steif wie neu vernähte Versprechen, andere ausgefranst, mit Brandspuren am Saum oder eingetrocknetem Schlamm, der so alt wirkte, als hätte er schon Königreiche gesehen. Wappen glitzerten im Licht: Löwen, Sonnen, gekreuzte Äxte, stilisierte Drachenzungen, ein Auge im Sternenkreis, das jeden Besucher zu mustern schien. Zwischen den Bannern liefen Galerien entlang, von denen aus Boten mit Rollen unter dem Arm hinab winkten, und irgendwo, hoch oben, wurde ein kleines Orchester aus Flöte, Trommel und einer energischen Laute von der Menge übertönt – nicht verdrängt, eher mitgetragen wie eine zweite Melodie unter dem Stimmenmeer.
Das Licht in der Halle kam von Kristallen.
Sie saßen in Laternen und Kronleuchtern wie gefangene Sterne, in Messingkäfigen gefasst oder in Silberkronen, die von Ketten herabhingen. Jeder Kristall glomm in einer eigenen Nuance: manche kühl wie Mondwasser, andere warm wie Honig; ein paar flackerten, wenn jemand in ihrer Nähe log – als würden sie sich über schlechte Geschichten beschweren. Das Licht brach sich in Bierkrügen, in polierten Helmen, in den feuchten Augen eines jungen Rekruten, der zu früh zu viel gesehen hatte.
Stände säumten die Hallenränder. Nicht alle waren wirklich Stände; manche waren nur Teppiche auf dem Stein, über die man ein Banner gespannt hatte, oder ein hastig gezimmerter Tisch. Doch jede Gilde wusste, wie man sich zeigt.
Bei den Goldenen Löwen war es nicht schwer: ihr Bereich glänzte selbst im Halbdunkel. Schwere Stoffbahnen in Gold und Ocker, ein Schild mit einem Löwenkopf, dessen Augen aus gelbem Glas bestanden und im Licht der Kristalle zu leben schienen. Menschen drängten sich dort in einer ständigen Welle. Man hörte Namen, Zahlen, Versprechen – und die scharfe Stimme einer Schreiberin, die aus einem Buch vorlas, als würde sie Urteile fällen.
Ein paar Schritte weiter war die Schwarze Sonne: dunkle Stoffe, schwarze Wachssiegel, eine schmale Linie wartender Gestalten, die nicht wie Rekruten wirkten, sondern wie Leute, die wissen, was sie suchen. Einem Mann in grauem Mantel schien es völlig egal zu sein, dass ein Halbling mit zu großer Armbrust neben ihm nervös auf den Zehenspitzen wippte – beide starrten auf denselben Tisch, als könnte er sie verschlingen.
Und dann Ingrimm: ein Stand aus rohem Holz, verziert mit Kerben und Runen, dahinter bärtige Gestalten, die lachten wie Felsstürze. Ein Zwerg mit einer Nase, die schon mehrere Schlachten verloren hatte, verteilte Becher und klopfte Bewerbern so fest auf die Schulter, dass mancher danach kurz prüfen musste, ob er noch alle Zähne hatte.
Dazwischen drängten sich Dutzende andere Gilden. Kleinere Namen, schillernde Namen, Namen, die man vielleicht erst morgen hörte und dann nie wieder. Elfen in Reisekleidern und mit unverschämter Haltung. Ein Ork, der sich über einem kleinen Tisch bückte und dabei so vorsichtig tat, als könne er mit einem falschen Atemzug alles zerbrechen. Ein paar stumme Geweihte, die unter einem Banner standen, auf dem ein stilles Rad gemalt war. Ein Drachenblütiger mit schimmernden Schuppen an den Schläfen, der einem Kind ein Stück Trockenfleisch schenkte, als sei das das Normalste der Welt.
In der Mitte des Ganzen befand sich "der" Schalter.
Er war kreisrund, aus hellem Stein, und so groß, dass ein Wagen darauf hätte wenden können. Mehrere Öffnungen zogen sich entlang seines Umfangs – kleine Pulte, hinter denen Schreiber saßen, die mit der stoischen Geduld von Leuten arbeiteten, die schon zu viel Drama gesehen hatten. Über jedem Pult hing ein Zeichen: *Aufträge*, *Mitgliedschaften*, *Streitfälle*, *Bergungsrechte*, *Kopfgelder*, *Eide*. Siegelwachs dampfte in Schalen, Federn kratzten, Münzen klangen, und immer wieder wurden Stimmen laut, weil jemand glaubte, sein Problem müsse als Erstes gelöst werden.
Und trotzdem: Die Halle war voll, aber nicht erstickend. Es war ein lebendiger Druck, kein Chaos. Die Menge hatte eine Art unbewusster Ordnung, eine Schwerkraft, die die wichtigsten Dinge nach innen zog und die Nebensächlichkeiten an den Rand spülte. Man wich aus, man drängelte, man lachte, man fluchte, man tauschte Blickkontakte wie Geheimzeichen.
Dann schnitt ein Schrei durch das Stimmengewirr, so plötzlich, dass selbst die Musik für einen Augenblick stolperte. Nicht Angstschrei. Eher: Empörung, Wut, das Geräusch eines Menschen, der sich in seinem Recht verletzt fühlte. Die Menge reagierte, wie eine große Kreatur reagiert: Sie teilte sich.
Westlich des Eingangs, dort wo ein Konglomerat aus schweren Vorhängen und halbhohen Trennwänden einen kleinen Bereich abgrenzte, brach Bewegung aus. Köpfe drehten sich. Ein paar Leute stellten ihre Krüge ab, als hätten sie plötzlich Angst, etwas zu verschütten, das später als Beweis dienen könnte. Ein Halbling stieg auf eine Bank, um besser zu sehen.
Dann erschien sie.
Yngrid, die Löwin.
Sie war eine Frau in jenem Alter, in dem Menschen nicht mehr beweisen müssen, dass sie gefährlich sind, weil sie es längst getan haben. Ihr Haar war an den Schläfen grau, aber nicht müde grau – eher wie Stahl, der schon oft geschärft wurde. Sie trug es offen über den Schultern, und es sah aus, als hätte sie nie Zeit gehabt, es zu flechten, weil irgendwo immer etwas brannte.
Ihre Rüstung war schwer. Platten, die im Kristalllicht golden schimmerten, nicht geschniegelt wie Parade, sondern getragen, mit feinen Kerben, Dellen, Spuren. Die Gelenke waren dunkel geölt, damit sie sich lautlos bewegen konnte – doch sie bewegte sich nicht lautlos. Sie brauchte das nicht. Sie ging, als wäre der Boden verpflichtet, ihr Platz zu machen.
Neben ihr vier Mitglieder der Goldenen Löwen, alle mit dem Löwenwappen an Schild und Rüstung, alle mit dem Blick von Leuten, die wissen, wie man einen Raum kontrolliert. Und hinter ihnen – oder besser: zwischen ihnen, getragen wie eine Trophäe – ein riesiges Schild, so breit wie eine Tür. Darauf lag ein Mann, an Handgelenken und Knöcheln gebunden, Seile über Brust und Hüften, als hätte man Angst, er könnte plötzlich beschließen, das Konzept von Gravitation zu beleidigen. Sei braunes Haar wirbelte von seinen schnellen Richtungswechseln hin und her und panisch glitt sein Blick durch die Halle.
Er war nicht leise. Kein Mensch, der gebunden auf ein Schild geschnallt war, sollte eigentlich laut sein – doch Brandan schaffte es, dies unglückselige Dasein zu besitzen, als wäre sie eine Bühne, die man ihm aus Versehen gebaut hatte.
Sein braunes, lockiges Haar fiel ihm schulterlang ins Gesicht, und er blies eine Strähne weg, als wäre das die größte Unannehmlichkeit seines Tages. Der Dreitagebart betonte sein falsches Grinsen, das sich viel zu sicher anfühlte für jemanden, der gerade öffentlich transportiert wurde. An seinem Hals zeichnete sich die sternförmige Narbe ab, im flackernden Licht fast wie ein Zeichen. Um seine Hüfte lief eine Kette, und daran hing – als hätte jemand ihm die letzte Würde gelassen oder die größte Gefahr unterschätzt – sein Schwert, das klappernd am Schild herab baumelte.
„Macht Platz!“, bellte einer der Löwen, und die Menge machte Platz.
Brandan hob den Kopf, ließ den Blick über die Zuschauer gleiten, als sei er derjenige, der gleich eine Ansprache halten würde. „Bitte keine Wünsche zur Signatur“, rief er in den Raum, „ich bin heute schon…—“
„Halt den Mund, du Klampfenzupfer“, schnitt Yngrids Stimme durch, trocken wie ein Schwertzug.
„Oh!“, Brandan legte eine beleidigte Wärme in den Ton. „Yngrid. Meine liebste Löwin. Stern meiner Nächte. Wie ich sehe, trägst du wieder dein ‘Ich-entscheide-heute-wer-atmen-darf’-Kleid.“
Yngrid ging weiter, ohne langsamer zu werden.
„Du hast meine Rekruten lächerlich gemacht.“
„Ich habe mitnichten Jemanden lächerlich gemacht“, sagte Brandan sofort, und seine Stimme war einen Hauch zu schnell. „Sie waren bereits… nun… mit Potenzial zur Komik gesegnet.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Einige lachten. Andere hielten die Luft an, als sei das Lachen gefährlich.
„Du hast in meinem Stand—“, begann Yngrid, und jetzt war da diese Schärfe, die nicht laut werden musste, um zu schneiden, „—eine ‘Aufnahmerede’ gehalten. Ohne Genehmigung. Und du hast dabei behauptet, die Goldenen Löwen würden nur Leute nehmen, die ‘angemessen dramatisch in Sonnenuntergängen posieren’ können.“
Brandan blinzelte. „Das war… ein Scherz, ein fader. Eine Metapher. Ich wollte die Bedeutung von… Haltung… betonen.“
„Du hast außerdem“, fuhr Yngrid grantig fort, „meinen besten Rekruten dazu gebracht, sein Schwert wegzuwerfen, weil du ihn überzeugt hast, dass es verflucht sei und nur singt, wenn man ‘seine inneren Gefühle’ anerkennt.“
Brandan musste sich sich das Lachen verkneifen. „Hat es gesungen?“
Einer der Löwen knurrte leise. Ein anderer warf Brandan einen Blick zu, der versprach, dass Humor irgendwann nicht mehr ausreichen würde.
„Und du hast“, sagte Yngrid, und jetzt klang es, als würde sie jeden Punkt mit einem Nagel in Holz schlagen, während ihr Blick wütend zu Brandan glitt, „den Aufnahmebogen für dreißig Bewerber ausgefüllt. Mit falschen Namen!“
Brandan hob die Hände, soweit die Seile es erlaubten. „Nicht falsch. Künstlerisch! Ich habe ihnen… Bühnennamen gegeben. Wer will schon als ‘Gerhard’ auf Abenteuer gehen? ‘Gerhard’ klingt nach jemandem, der Pergament sortiert und beim Regen meckert.“
Die Menge lachte diesmal deutlich hörbarer. Irgendwo pfiff jemand anerkennend. Ein paar Köpfe drehten sich, um zu sehen, ob die Schwarze Sonne das auch lustig fand. Taten sie nicht. Taten sie nie. Diese Banausen.