Gestern, 02:27 - Wörter:
Träge flimmerten die Buchstaben über das Display. Tock. Tock. Bei jeder Berührung flackerte es kurz, nur einen Wimpernschlag lang, ehe die Anzeige zu ihrer ursprünglichen Darstellung zurückkehrte. Der Anschluss des Monitors saß locker. Ein Fakt, den er seit Stunden ignorierte. Es hatte etwas Meditatives, wie die Buchstaben sich kurz verzerrten, während ein breiter weißer Streifen einmal quer über den Bildschirm rutschte, wie eine perfekt geformte Lawine. Doch statt Chaos ließ sie Ordnung zurück und das Bild verschwand lediglich für einen Moment, ehe es sich wieder stabilisierte. Sein Finger glitt vom Display. Stille kehrte ein, als er aufhörte, mit dem Finger wiederholt gegen das Glas zu pochen. Routiniert griff er nach einem Tuch und wischte die Abdrücke fort, dann fiel er seufzend zurück in seinen Stuhl, der sich knarzend über das plötzliche Gewicht beschwerte. Er hatte alles versucht. Nun, zumindest alles, was er innerhalb dieses Netzwerks gefahrlos tun konnte. Die Möglichkeiten waren, zugegebenermaßen, beschränkt – das DarkNet blieb ihm verwehrt. Trotzdem fanden nicht einmal herkömmliche Suchmaschinen etwas, das ihm weiterhalf. Genau genommen fanden sie überhaupt nichts. Als würden diese Dateien gar nicht existieren. Ein ausgedachtes Format, eine Buchstabenfolge, die man eingegeben hatte, um die Daten zu schützen, nur dann entschlüsselbar, wenn man die korrekte Endung fand. Nicht, dass er das nicht schon versucht hatte. Er hatte Tage damit verbracht, eine Liste sämtlicher bekannter Dateiendungen durchzugehen und zahlreiche Programme installiert, in der Hoffnung, die Dateien öffnen zu können – erfolglos. Charon schob den Stuhl zurück und stand auf. Sein Name war nicht mehr als ein Pseudonym und doch fühlte es sich richtiger an, als der, den ihm seine Eltern gegeben hatten. Es war ein Name, der seine Bürde kannte, es leichter machte, sie zu tragen, zu akzeptieren, was er nicht ändern, aber sehr wohl beeinflussen konnte. Der Fährmann kannte die Stromschnellen auf dem Weg zur Unterwelt und jeden Stein, der zwischen den Wellen hervorragte und ihm die Seelen von den Planken riss. Nein, er konnte den Zielort nicht ändern – wohl aber wann und wie er dort mit seinen Passagieren ankam. Er musste nur ein wenig Geschicklichkeit beweisen. Allerdings steckten seine Füße gerade nicht in Stiefeln, sondern in Socken und auch der Untergrund war nicht der eines Boots, sondern flauschig weicher Teppich, der sich um die Zehen schmiegte. Für einen Moment verharrte er, rieb sich die angespannten Augen und blinzelte in das weiche Licht, das ihm von der Decke aus entgegen leuchtete. Und jetzt? Er hatte nichts vorzuweisen, außer einem Haufen Daten, der entweder beschädigt oder sehr merkwürdig verschlüsselt war – so merkwürdig, dass scheinbar kein Programm dieser Galaxie sie öffnen konnte. Nachdenklich ging er weiter, trat in die dunkle Küche. Ein winziges Licht zeigte sich am höchsten Punkt des Raumes, entwuchs langsam der Dunkelheit, wurde heller, wie eine schlafende Sonne, die träge aus ihrem Schlummer erwachte.
Leise gluckernd rauschte das Wasser in die Tasse. Dampf stieg auf, brachte einen Geruch mit sich, den er als „Waldbeere“ kannte. Zumindest, wenn man dem Etikett am Teebeutel glauben durfte. Charon kannte Wälder und Beeren nur aus eBooks und 3D-Modellen diverser Assets aus Spielen oder VRs. Er hatte welche davon in seine eigene gesetzt. Die Recherche war frustrierender gewesen, als er erwartet hatte. Jede Darstellung sah anders aus. Nicht einmal ein digitaler Blick auf die Gärten einiger reicher Promis hatte ein genaueres Bild zeichnen können. Die Pflanzenvielfalt war einst riesig gewesen, das wusste er, doch wenn dieselbe Beere auf hundert Fotos anders aussah, war es trotzdem unmöglich festzustellen, was davon der Natur entsprang und was im Reagenzglas herangezüchtet worden war. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, als zu improvisieren. Hatte eine KI gebeten, ihm aus all den Bildern und Informationen, die er hatte finden können, einige Vorschläge zu generieren und sie dann von den Programmierern als 3D Assets in die VR integrieren lassen. Natürlich alles auf Kosten der Firma. Zumindest ein paar kleine Vorteile hatte es, wenn man Sklave des Kapitalismus war. Charon nahm einen Schluck von seinem Tee. Wie wohl richtige Beeren schmeckten?
Er wusste, es gab jemanden, der ihm diese Frage beantworten konnte – aber er wusste auch, dass er damit nicht viel würde anfangen können. Zitronen schmeckten eben wie Zitronen und Beeren schmeckten wie Beeren. Das eine war sauer, das andere süß, doch die Natur bestand aus mehr als das. Zumindest wollte er das glauben. Charon wärmte die müden Finger an seiner Tasse und lehnte sich gegen den Türrahmen. Seine Mittel waren ausgeschöpft. Wenn also jemand wissen könnte, was es mit diesen Dateien auf sich hatte, dann sie. Jemand, der nicht auf das Wissen beschränkt war, das sich ins Internet verirrte – jemand, der das Privileg gehabt hatte, anders aufzuwachsen, anders zu lernen und anders zu begreifen, als sie alle. Und der nun doch unter ihnen verweilte, weil man ihm den Platz, an den er gehörte, einfach entrissen hatte.
Charon nahm einen Schluck von seinem Tee und fuhr zusammen. Heiß! Unwillkürlich biss er sich auf die verbrannte Zunge, um nicht zu fluchen, dann lehnte er sich zurück in die Küche und stellte die Tasse auf der Anrichte ab. Der würde noch eine Weile brauchen, doch immerhin war er jetzt hellwach. Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er soeben den Geschmack einer Zitrone gekostet, kehrte er an seinen Schreibtisch zurück.
Er wollte sie nicht stören. Nicht wegen etwas, das womöglich nur Datenschrott war. Allerdings hatte er diesen Schrott auf StarTechs Server gefunden – nur ohne Möglichkeit, die Dateien auch auszuführen. Sie sahen nicht aus wie Überreste eines gelöschten Programms. Sie passten auch nicht zu den übrigen Dateien, die auf dem Server lagen und hauptsächlich aus System- und Assetdateien für die VR bestanden. Die Wahrscheinlichkeit war da und sie war erstaunlich hoch. Gestohlene Dateien. Einer Zivilisation geraubt, die StarTech persönlich hingerichtet hatte. Doch warum würden die auf diesem Server liegen? Seinem Server. Das Zuhause seiner VR. Solche Daten würde der Konzern abgeschottet und sicher irgendwo verwahren, wo neugierige Augen nicht an sie herankamen. Es sei denn, sie wussten nicht, dass sie da waren. Aber wie waren sie dann auf die Festplatte gekommen? Wer hatte sie dort platziert? Und wozu waren sie gut? Seufzend schüttelte er den Kopf. Wie er es auch drehte und wendete, er würde nur Gewissheit haben, wenn er an den Inhalt dieser Nachrichten herankam. Und sie war nun mal seine beste Chance.
Bedächtig glitten seine Finger über die Tastatur. Er las die Nachricht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Hatte er alles angehängt? Ohne Anhang war sie nutzlos. Sein Herz klopfte. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr schrieb. Aber es war das erste Mal, dass er etwas einbrachte, das tiefer in die Vergangenheit bohren könnte, über die sie nie sprach. Charon faltete die Hände und atmete durch. Sein Finger fand die ENTER-Taste – und die Nachricht ihren Empfänger.
xX_Super_N0ra_xX
offline
Leise gluckernd rauschte das Wasser in die Tasse. Dampf stieg auf, brachte einen Geruch mit sich, den er als „Waldbeere“ kannte. Zumindest, wenn man dem Etikett am Teebeutel glauben durfte. Charon kannte Wälder und Beeren nur aus eBooks und 3D-Modellen diverser Assets aus Spielen oder VRs. Er hatte welche davon in seine eigene gesetzt. Die Recherche war frustrierender gewesen, als er erwartet hatte. Jede Darstellung sah anders aus. Nicht einmal ein digitaler Blick auf die Gärten einiger reicher Promis hatte ein genaueres Bild zeichnen können. Die Pflanzenvielfalt war einst riesig gewesen, das wusste er, doch wenn dieselbe Beere auf hundert Fotos anders aussah, war es trotzdem unmöglich festzustellen, was davon der Natur entsprang und was im Reagenzglas herangezüchtet worden war. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, als zu improvisieren. Hatte eine KI gebeten, ihm aus all den Bildern und Informationen, die er hatte finden können, einige Vorschläge zu generieren und sie dann von den Programmierern als 3D Assets in die VR integrieren lassen. Natürlich alles auf Kosten der Firma. Zumindest ein paar kleine Vorteile hatte es, wenn man Sklave des Kapitalismus war. Charon nahm einen Schluck von seinem Tee. Wie wohl richtige Beeren schmeckten?
Er wusste, es gab jemanden, der ihm diese Frage beantworten konnte – aber er wusste auch, dass er damit nicht viel würde anfangen können. Zitronen schmeckten eben wie Zitronen und Beeren schmeckten wie Beeren. Das eine war sauer, das andere süß, doch die Natur bestand aus mehr als das. Zumindest wollte er das glauben. Charon wärmte die müden Finger an seiner Tasse und lehnte sich gegen den Türrahmen. Seine Mittel waren ausgeschöpft. Wenn also jemand wissen könnte, was es mit diesen Dateien auf sich hatte, dann sie. Jemand, der nicht auf das Wissen beschränkt war, das sich ins Internet verirrte – jemand, der das Privileg gehabt hatte, anders aufzuwachsen, anders zu lernen und anders zu begreifen, als sie alle. Und der nun doch unter ihnen verweilte, weil man ihm den Platz, an den er gehörte, einfach entrissen hatte.
Charon nahm einen Schluck von seinem Tee und fuhr zusammen. Heiß! Unwillkürlich biss er sich auf die verbrannte Zunge, um nicht zu fluchen, dann lehnte er sich zurück in die Küche und stellte die Tasse auf der Anrichte ab. Der würde noch eine Weile brauchen, doch immerhin war er jetzt hellwach. Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er soeben den Geschmack einer Zitrone gekostet, kehrte er an seinen Schreibtisch zurück.
Er wollte sie nicht stören. Nicht wegen etwas, das womöglich nur Datenschrott war. Allerdings hatte er diesen Schrott auf StarTechs Server gefunden – nur ohne Möglichkeit, die Dateien auch auszuführen. Sie sahen nicht aus wie Überreste eines gelöschten Programms. Sie passten auch nicht zu den übrigen Dateien, die auf dem Server lagen und hauptsächlich aus System- und Assetdateien für die VR bestanden. Die Wahrscheinlichkeit war da und sie war erstaunlich hoch. Gestohlene Dateien. Einer Zivilisation geraubt, die StarTech persönlich hingerichtet hatte. Doch warum würden die auf diesem Server liegen? Seinem Server. Das Zuhause seiner VR. Solche Daten würde der Konzern abgeschottet und sicher irgendwo verwahren, wo neugierige Augen nicht an sie herankamen. Es sei denn, sie wussten nicht, dass sie da waren. Aber wie waren sie dann auf die Festplatte gekommen? Wer hatte sie dort platziert? Und wozu waren sie gut? Seufzend schüttelte er den Kopf. Wie er es auch drehte und wendete, er würde nur Gewissheit haben, wenn er an den Inhalt dieser Nachrichten herankam. Und sie war nun mal seine beste Chance.
Bedächtig glitten seine Finger über die Tastatur. Er las die Nachricht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Hatte er alles angehängt? Ohne Anhang war sie nutzlos. Sein Herz klopfte. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr schrieb. Aber es war das erste Mal, dass er etwas einbrachte, das tiefer in die Vergangenheit bohren könnte, über die sie nie sprach. Charon faltete die Hände und atmete durch. Sein Finger fand die ENTER-Taste – und die Nachricht ihren Empfänger.
offline
[22:47] Charon: Hey, ich hab vor ein paar Tagen auf dem Server was gefunden. Es sind irgendwelche Daten, aber ich krieg sie nicht auf und das Format existiert nicht mal – ich hab nirgendwo was dazu gefunden. Könnte auch Datenmüll sein, aber der sieht für gewöhnlich anders aus. Virenverseucht ist das Zeug jedenfalls nicht – der Scan schlägt nur an, weil er das Format nicht kennt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die wissen, dass das Zeug da rumliegt… Kannst du dir das mal ansehen?
10 angehängte Dateien, Größe: 16 KB
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